| In diesem Winter bieten vor allem die
Staatlichen Museen Berlin mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums
nach einer 60 Jahre dauernden Schließung und zahlreichen hochkarätigen
Sonderausstellungen Ausstellungs-Höhepunkte. Auf die große
Carl Gustav Carus-Ausstellung "Natur und Idee" mit 200 Gemälden
und Zeichnungen von Carus und anderen, ihm nahe stehenden romantischen
Malern wie Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl in der Alten
Nationalgalerie wurde schon im letzten Kulturbrief hingewiesen. Ein weiterer
Ausstellungs-Höhepunkt bietet Gemälde-Kunst im tropischen Umfeld:
"Kunst um Humboldt - Reisestudien aus Mittel- und Südamerika"
(vom 13. November bis 11. April im Kupferstichkabinett). Die Maler Johann
Moritz Rugendas (1802 - 1858), Ferdinand Bellermann (1814 - 1889) und
Eduard Hildebrandt (1818 - 1869) unternahmen in der Nachfolge Alexander
von Humboldts ausgedehnte Reisen durch Mittel- und Südamerika. In
den vor Ort entstandenen Reiseskizzen und Naturstudien erlebten die von
Humboldt angeregten Darstellungen des amerikanischen Subkontinents in
ihrem neuartigen Realismus eine europaweit beachtete Blüte. Von den
Landschaften, der Flora und Fauna, den Ortschaften, Volkstypen, Sitten
und Gebräuchen der durchstreiften Regionen entwarfen die Maler ein
faszinierendes, vielfältiges und authentisches Bild. Humboldt hat
ihre Befähigung zu »physiognomisch-treuer landschaftlicher
Schilderung verschiedener Erdzonen« frühzeitig erkannt, sie
beraten und nach Kräften gefördert. Seine Vorstellung, in Verbindung
von Kunst und Wissenschaft über die genaue Beobachtung der tropischen
Natur auch zu einer Erneuerung der europäischen Landschaftskunst
zu gelangen, sah er hier verwirklicht. In Deutschland sind die drei Maler
noch immer zu wenig bekannt und ihre Arbeiten wegen der engen Bindungen
an die Naturwissenschaften kein Thema der Kunstgeschichte. In Mittel-
und Südamerika dagegen genießen sie als Teil des kulturellen
Gedächtnisses höchste Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Eine andere wichtige Ausstellung bieten die Staatlichen Museen im Kulturforum
Potsdamer Platz: "Alfred Messel (1853-1909) - Visionär
der Großstadt" Der Architekt Alfred Messel (1853-1909)
gehört zu den bedeutendsten Visionären der modernen Großstadtarchitektur.
In dieser umfassenden Ausstellung präsentiert die Kunstbibliothek
zu Messels 100. Todestag sein Werk mit rund 350 Exponaten: Originalzeichnungen,
Baupläne, Fotografien, Modelle sowie originale Bauplastik des Warenhauses
Wertheim und des Pergamonmuseums. Alfred Messel schuf stilprägende
Bauten zwischen Historismus und Moderne. Er errichtete Museen, Finanzpaläste,
großbürgerliche Villen sowie Reformwohnungsbauten - Gesamtkunstwerke
in ihrer Einheit von Außen- und Innenarchitektur. Einzigartig und
noch heute im Bewusstsein der älteren Berliner sind seine Warenhausbauten
für die Firma Wertheim. Die prächtige Filiale am Leipziger Platz
war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das größte Warenhaus Europas.
In seiner Funktionalität, Größe und Eleganz vermittelte
es wie kein anderes Gebäude das moderne Großstadtgefühl.
Mit seinen Planungen für das Pergamonmuseum vollendete Alfred Messel
auch die "Stadt der Museen", wie Wilhelm von Bode die Museumsinsel
Berlin seinerzeit umschrieb. Seit 1999 ist die Museumsinsel UNESCO Weltkulturerbe.
Die vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Ausstellung und der dazugehörige
Katalog entstanden in Kooperation mit dem Architekturmuseum der Technischen
Universität Berlin, in dem sich der Nachlass Messels befindet.
Auch im Martin-Gropius-Bau ist wieder ein Ausstellungs-Höhepunkt
zu sehen: "Sprachen des Futurismus - Literatur, Malerei,
Skulptur, Musik, Theater, Fotografie" (bis 11. Januar 2010).
Der Martin-Gropius-Bau nimmt das hundertjährige Jubiläum des
"Futuristischen Manifests" zum Anlass, eine große Ausstellung
dem "Gesamtkunstwerk Futurismus" zu widmen. Der Begründer
des Futurismus Marinetti propagierte in seinem elf Punkte umfassenden
Manifest eine neue, alle Lebensbereiche umfassende Kultur. Die Beteiligung
aller Künste an der Konstruktion einer neuen Ästhetik des Alltäglichen
war das Ziel. Fotografie und Film, Mode und Design, Tanz und Literatur,
Malerei und Skulptur, Architektur und Musik - es gab keine Kunstrichtung,
mit der die Futuristen sich nicht befasst haben. Die Ausstellung "Sprachen
des Futurismus" entstand in Zusammenarbeit mit dem Italienischen
Kulturinstitut und dem Museo d'Arte Moderna e Contemporanea di Trento
e Rovereto (MART), in dessen Sammlung sich über 4000 futuristische
Werke befinden, darunter Meisterwerke von Carrà, Severini, Russolo
und Balla, und das über ein umfangreiches Archiv von Dokumenten und
Büchern der wichtigsten Vertreter der Avantgarde verfügt. Das
Motto des Futurismus "Es reicht mit der Vergangenheit" und die
Ideale (Kult der Maschine und die industriell geprägte Stadt als
Ort der Geschwindigkeit, Simultanität und Dynamik) sind in der Ausstellung
vor allem in großartigen Gemälden nachfühlbar, ein Nachbau
eines großen Bühnenbildes, auch Marionettenfiguren, gehen eher
in Spielerisches. Völlig fehlt die Darstellung der politischen Verflechtungen
dieser außergewöhnlich lange Zeit (ab 1909 bis ca. 1934) einflussreichen
Kunstrichtung mit dem italienischen Faschismus.
Das Kunstforum der Berliner Volksbank gegenüber dem Elefantentor
des Berliner Zoos zeigt "Werner Tübke - Retrospektive
zum 80. Geburtstag" (bis 3. Januar). Der 2004 verstorbene
Werner Tübke zählt international zu den wichtigen Vertretern
der figürlichen Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit der Ausstellung würdigt
das Kunstforum mit seinen Kooperationspartnern Museum der bildenden Künste
Leipzig und der Tübke Stiftung Leipzig einen Meister des Realismus,
der sowohl aus zeitgenössischen als auch vor allem historischen Stoffen
seinen eigenen Bildkosmos schuf. Eines seiner Hauptwerke ist das 14 x
123 Meter große Kolossalgemälde "Frühbürgerliche
Revolution in Deutschland", das im Thüringischen Bad Frankenhausen,
einem Hauptort der Bauernkriege, zu sehen ist. Die Ausstellung im Kunstforum
zeigt ein Modell dieses großen Bauernkriegspanoramas und sieben
Gemälde aus dem Besitz der Bank, die thematisch im Umfeld dieses
Meisterwerks angesiedelt sind. Hinzu kommen Gemälde aus allen Werksphasen,
Porträts sowie Bilder, die sich auf die Reisen Tübkes nach Italien,
in den Kaukasus und nach Zentralasien beziehen.
|
 |
Carola Wedel (Hg.) : |
| Das Neue Museum - Eine Ruine wird zum Juwel |
| Deutsch/Englisch, 128 Seiten, 90 teils farbige Abb.,
19,95 €, Jaron
Verlag |
Mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums am 17.
Oktober sind erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg alle fünf Häuser
der Museumsinsel geöffnet. Das von 1843 bis 1855 erbaute Hauptwerk
des Königlichen Architekten Friedrich August Stüler war
nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis 2003 Ruine
und wurde danach nach Plänen des englischen Architekten David
Chipperfield so wieder aufgebaut, dass so viel wie möglich von
der Originalausstattung erhalten blieb, aber Verlorengegangenes nicht
rekonstruiert, sondern in einer ästhetisch ansprechenden Form
modern ergänzt worden ist. Das Neue Museum war übrigens
der erste Monumentalbau in Preußen, der konsequent aus dem konstruktiven
Potential der Eisenbauweise entwickelt wurde, viele Teile wurden in
der Eisengießerei August Borsigs vorgefertigt, dort auch auf
ihre Tragfähigkeit getestet, bevor sie eingebaut wurden. Allerdings
ist die Eisenkonstruktion in dieser Zeit noch nicht sichtbar gelassen,
sondern unter Zink- und Messingummantelungen und -ornamenten versteckt
worden. Dieses Buch zur Wiedereröffnung bietet sehr ansprechend
bebildert sowohl die interessante Baugeschichte des Erstbaus von Stüler
als auch die Details des Wiederaufbaus von Chipperfield. Hinzu kommt
ein guter Einblick in die drei im Museum gezeigten Sammlungen: das
Ägyptische Museum mit der Nofretete-Büste als Höhepunkt
in einem eigenen historischen Saal, die Antikensammlung mit großartigen
griechischen und römischen Skulpturen und das Museum für
Vor- und Frühgeschichte mit dem Berliner Goldhut und dem Goldfund
aus Eberswalde aus der Bronzezeit. |
 |
Adrian von Buttlar : |
| Das Neue Museum - Architekturführer |
| 104 Seiten mit 55 farbigen und 10 schwarzweißen
Abbildungen, 12 €, Deutscher
Kunstverlag |
| Auch in diesem Buch wird das Gebäude des
Neuen Museums in seiner alten und neuen Pracht bestens bebildert
vorgestellt. Es hat jedoch gegenüber den zahlreichen Neuerscheinungen
zur Wiedereröffnung zwei große Vorteile: zum einen ist
es kompakt-handlich und kann zum Museumsbesuch mitgenommen werden,
zum andern ist es von einem Autor verfasst, der in Fragen des Denkmalschutzes
sehr kompetent ist. So werden wenig bekannte Details der Entstehungsgeschichte
der jetzt gefeierten Form des Wiederaufbaus vermittelt, auch die
intensive Debatte über die Rekonstruktion prägnant zusammengefasst.
|
 |
Georg von Gayl/Christa Brand : |
| Die geheimen Gärten von Berlin - Refugien
in der Metropole |
| 160 Seiten, 190 Farb-Abb., 49,95 €, Deutsche
Verlags-Anstalt DVA |
| Dieses mit bestechenden, großformatigen
Farb-Fotografien ausgestattete Buch ist eine großartige Erinnerung
an den Sommer. Der Leser kann beim Betrachten der Garten-Porträts
in die Stimmung eines Sommergartens eintauchen, fast kann er die
Blumenpracht riechen und die Sonnenstrahlen fühlen. 23 Privatgärten
in Berlin werden in diesem exklusiven Bildband vorgestellt, sonst
verschlossene Gartenpforten werden dadurch geöffnet. Dabei
ist die Reichweite sehr vielfältig: vom "Laubenpieper-Garten"
in Charlottenburg über Haus- und Villengärten in Dahlem
mit üppigen Stauden- und Rosenpflanzungen, städtischen
Innenhöfen, bis hin zu luxuriösen Parkgärten an der
Havel und Siedlungen am Müggelsee. Neben Paris, London und
Venedig, denen sich diese Bildband-Reihe schon gewidmet hat, wird
nun zurecht Berlin als grüne Stadt mit einem reichen Schatz
an Privatgärten gestellt.
|
 |
Léo Favier u. a. (Hg.) : |
| Ring frei - Erkundungstour Ringbahn Berlin |
| 274 Seiten, 125 teils farbige Abbildungen, 27 Umgebungskarten
zu jeder Ringbahnstation, 22,90 €, Vergangenheitsverlag |
| Dieses neuartige Buch gehört zu den wichtigen
Neuerscheinungen eines neuen Berliner Verlages. Es ist außergewöhnlich
aufgrund seines hohen Nutzwertes für Erkundungstouren in das
weniger bekannte Berlin. Entlang der Ringbahn (S-Bahnlinie S 41
und S 42) werden ausgehend von den 27 Stationen dieser S-Bahn-Linie
Informationen zur Geschichte und Gegenwart vermittelt. Die Tour
ist eine kaleidoskopische Stadtfahrt: alte Fabriken und moderne
Produktionsstandorte, Plattenbauten und Gründerzeithäuser,
Shoppingmalls und Stadtautobahn, der Flughafen Tempelhof, Arbeiterviertel
und Szenequartiere, Schlossparks und Schrebergärten. Dieses
Buch wurde als Ringbuch ohne Seitenangaben konzipiert, die Lektüre
kann von jeder beliebigen Station begonnen werden. In origineller
Weise werden passend zum jeweiligen Stadtviertel S-Bahn-Nutzer mit
dem Stationsschild zu Beginn jedes Kapitels abgebildet. Die Herangehensweise
ist unterschiedlich, manchmal lässt die Ausführlichkeit
zu wünschen übrig. Die Bebilderung, gerade auch die Einbeziehung
historischer Aufnahmen, ist herausragend.
|
 |
Frank Möbus (Hg.)t : |
| Ringelnatz - Nach Berlin, nach Berlin, nach
Berlin! Gedichte, Prosa und Dokumente aus der Berliner Zeit |
| 250 Seiten, 8 Farb- und 10 s-/w-Abb., 19,90 €,
Verlag
für Berlin-Brandenburg |
| Joachim Ringelnatz wird häufig mit Berlin
assoziiert. Dabei hat der unter dem Namen Hans Bötticher geborene
Schriftsteller, Kabarettist und Maler nur von 1930 bis zu seinem
Tod im November 1934 in Berlin gelebt. Zuvor fuhr er zur See, lebte
in Hamburg und München, war aber schon früh Berlin verbunden.
Hier feierte er seit den frühen Zwanziger Jahren Erfolge als
Kabarettist, bereits 1924 erschien sein Roman "...liner Roma...",
der in moderner Form, einer Vielzahl von malerischen Eindrücken
vergleichbar, der pulsierenden Metropole ein Denkmal setzt. Gerne
hätte der Leser mehr von diesem, nicht mehr im Buchhandel erhältlichen
Roman, auch vom Maler Ringelnatz erfahren. Wie bei vielen anderen
Ringelnatz-Büchern liegt der Schwerpunkt dieses aktuellen Buches
jedoch bei seinen Gedichten: sicher auch Gemälden vergleichbare
literarische Höhepunkte sind darunter, aber auch viel schönes
weißes Papier.
|
 |
Katja Roeckner : |
| Berliner Industriekultur - Geschichtstouren
für Entdecker |
| 163 Seiten, zahlreiche s-/w-Abb., 3 Karten, Klappenbroschur,
12,90 €, Vergangenheitsverlag |
| Dieser handliche Führer ist ein Appetitanreger
zur Entdeckung der reichhaltigen Industriekultur Berlins. Sehr gut
mit historischen Fotos bebildert gibt dieser Führer Erläuterungen
zu Spaziergängen in vier Kerngebieten der industriellen Entwicklung
Berlins zur ehemals größten Industriestadt Europas: dem
ehemaligen "Feuerland", Sitz der Königlichen Eisengießerei,
der Industriepioniere Egells, Borsig und Schwartzkopff nördlich
des Oranienburger Tors, der AEG am Humboldthain, dem Kreuzberger
Gewerbegebiet an der Spree und der AEG-"Stadt" in Oberschöneweide.
Dass es noch sehr viel mehr an sehr reizvollen Denkmalen des Industriezeitalters
in Berlin zu entdecken gibt, wird im kurzen Kapitel "Orte außerhalb
der Touren" vermittelt. Der Hinweis auf die in enger Verbindung
zur Industrieentwicklung Berlins entstandenen Orte der Industriekultur
in Brandenburg fehlt. Ohne die Kalksteinverarbeitung in Rüdersdorf,
die Ziegelindustrie in Glindow und Zehdenick, der Kunststoffindustrie
in Erkner und Werder, die Flugzeugindustrie in Rangsdorf und Ludwigsfelde,
schließlich die Bahnindustrie in Wildau, Potsdam und Hennigsdorf,
um nur einige Orte der Industriekultur in unmittelbarer Nähe
Berlins zu nennen, wäre Berlin nicht zur Industriemetropole
geworden.
|
 |
Hanne Bahra/Axel Nickolaus : |
| Handwerk, Design, Kunst, Tradition Berlin |
| 168
Seiten, zahlreiche Farb-Abb., Übersichtskarte, 29,90 €,
Umschau
Verlag |
| Berlin inspiriert. Die Hauptstadt Deutschlands
gilt heute als eine der kreativsten und vielseitigsten Metropolen
der Welt. In ehemaligen Fabrikgebäuden, in Hinterhöfen
und einstigen Souterrainwohnungen entstehen immer mehr Werkstätten
und Ateliers. So dynamisch Berlin ist, seine Authentizität
wurzelt in jahrhundertealter handwerklicher Tradition und spiegelt
sich noch heute in überkommenen Gewerken wider - von der Glasschleiferei
bis zum Orgelbau, von der Korsettmacherei bis zur Königlichen
Porzellanmanufaktur. Auch Berlin als Modestadt wird präsentiert.
Zusätzlich werden nahe Orte wichtiger Handwerkstraditionen
in Brandenburg vorgestellt: das Ofen- und Keramikmuseum in Velten
und das Modemuseum Schloss Meyenburg in der Prignitz.
|
 |
Cees Nooteboom : |
| Berlin 1989/2009 |
| 400
Seiten, zahlreiche s/w-Abb., 12 €, Suhrkamp
Verlag |
| Der niederländische Erzähler und Essayist
Cees Nooteboom veröffentlichte 1991 persönliche Eindrücke
vom Mauerfall und dem Weg zur deutschen Einheit. In etwas ausschweifender
Art, immer wieder sehr treffend das außergewöhnliche
dieser Zeit beschreibend trifft Nooteboom sehr gut deutsche Befindlichkeiten.
Ohne das dies der Verlag deutlich macht, besteht die vorliegende
Neuerscheinung zu einem großen Teil aus der Wiederveröffentlichung
dieser Essays und außergewöhnlichen Fotografien. Ergänzt
wird dies durch weitere bis in das vergangene Jahr reichende Texte.
Der Autor konnte trotz seiner zahlreichen, weltweiten Reisen (eine
den jeweiligen Kontinenten gewidmete Buchreihe liegt dazu vor) zu
Deutschland eine besondere Beziehung entwickeln und die Lektüre
vieler seiner Essays lohnt sich, sie regen zum Nachdenken, auch
zum Weiterlesen zahlreicher anderer Autoren an.
|
 |
Irina Liebmann : |
| Stille Mitte von Berlin |
| 112
Seiten, zahlreiche Farb-Abb., 19,90 €, Berlin
Verlag |
| Anfang der 80er Jahre hat Irina Liebmann das
Viertel um den Hackeschen Markt fotografiert. Was als Material für
einen Roman gedacht war, wurde zu einer ungewöhnlichen Fotoserie,
die dokumentiert, wie sehr sich diese Gegend Berlins nach der Wiedereinigung
geändert hat: die vom Verfall geprägte DDR-Tristesse ist
jetzt zu einer Attraktion Berlin geworden, alte Bausubstanz ist
inzwischen Ort für abendliches Entspannen. Dabei ist vielen
die Geschichtsträchtigkeit dies Viertels nicht bewusst. In
einem langen, einleitenden Essay geht Irina Liebmann ihren eigenen
Erinnerungen als Bewohnerin dieses Viertels zu DDR-Zeiten sowie
seiner Geschichte nach - eine lohnende Lektüre.
|
 |
Uta Gerhardt/Thomas Karlauf (Hg.) : |
| Nie mehr zurück in dieses Land - Augenzeugen
berichten über die Novemberpogrome 1938 |
| 363
Seiten, 22,90 €, Propyläen
Verlag |
| Dieses erschütternde Buch hätte zu
seiner Entstehungszeit vor siebzig Jahren die Welt aufrütteln
können. Jetzt sollte es Schullektüre werden, um in Erinnerung
von in Deutschland möglicher Barbarei allen Anfängen zu
wehren. Diese erschütternde Augenzeugenberichte der Novemberpogrome
1938 waren 1939/40 im Rahmen eines Aufrufs der Harvard Universität
gesammelt worden, an dem sich mehr als 250 Emigranten beteiligten.
Eine vergleichbar dichte, authentische Schilderung des von den Nazis
organisierten Terrors gegen die jüdischen Mitbürger in
Deutschland und Österreich gibt es nicht. Während jener
Pogrome waren etwa 400 Juden ermordet oder in den Tod getrieben
worden, 30 000 wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern
inhaftiert und schwer misshandelt. Zehntausende verließen
daraufhin ihre Heimat, schockiert von dem, was viele Zeitgenossen
als den größten Zivilisationsbruch der Geschichte empfanden.
Was sie mitnahmen, war der Schmerz des Abschieds, aber auch die
Erinnerung an grauenhafte Szenen: die Überfälle betrunkener
Nazi-Horden, die öffentlichen Demütigungen, das Niederbrennen
der Synagogen, die unmenschlichen Zustände in den überfüllten
Gefängniszellen und KZ-Baracken. Die Reaktionen der Nachbarn
und Passanten auf diese Barbarei reichten von Anteilnahme und Hilfeleistung
bis zu Hohn, Spott und Übergriffen. Der Initiator des Harvard-Projektes,
der Soziologe Edward Hartshorne, stellte die bewegenden Zeugnisse
zu einem Buch zusammen, das er wegen des Kriegseintritts der USA
jedoch nicht mehr veröffentlichen konnte. Er wechselte in den
Geheimdienst, die Berichte fielen dem Vergessen anheim. Durch einen
Zufall wurde jetzt das Originalmanuskript gefunden. Sorgfältig
ediert und kommentiert durch die Herausgeber, mit einem Vorwort
von Saul Friedländer versehen, wird es jetzt erstmals zugänglich
gemacht.
|
 |
Roman Grafe (Hg.) : |
| Die Schuld der Mitläufer - Anpassen
oder Widerstehen in der DDR |
| 204
Seiten, zahlreiche s/w-Abb., 14,95 €, Pantheon
Verlag |
| Dieses Buch vereint 22 Geschichten von Staatshörigkeit
und Aufbegehren in der DDR. Deutlich wird, dass kein Heldentum notwendig
war, um in der DDR zumindest passiv Widerstand zu leisten. Die Mehrheit
der DDR-Bürger ließ alltägliche Möglichkeiten
des gefahrlosen Widersprechens und Widerstehens ungenutzt. Der Herausgeber
fasst die Tragik des Verhaltens der Mehrheit treffend zusammen:
" Der Satz ‚Es war nicht alles schlecht in der DDR' bedeutet
auch: Wir habe es uns gut gehen lassen als es anderen schlecht ging
- den Unangepassten, den politischen Häftlingen, den gescheiterten
Flüchtlingen und ihren Angehörigen." Schließlich
wird in einer Art Ausblick Joachim Gaucks berechtigte Sorge zitiert:
"dass unsere Demokratie möglicherweise durch dieselbe
Haltung zugrunde gehen könnte, die die Diktatur so lange am
Leben erhalten hat, nämlich unser unkritisches, unengagiertes
Danebensehen..."
|
 |
Peter Schanz : |
| Mitten durchs Land - Eine deutsche Pilgerreise |
| 253
Seiten, zahlreiche Farb-Abb., 19,95 €, Aufbau
Verlag |
| Peter Schanz Wanderung an der 1500 Kilometer
langen, ehemaligen innerdeutschen Grenze dauerte drei Monate. Dort,
wo Bayern, Sachsen und Tschechien aneinander stoßen, begann
er seine Reise und folgte ihr (überwiegend auf den früheren
Kolonnenwegen der Grenztruppen) bis an die Ostsee. Als interessanter
Reisebericht, in dem deutsch-deutsche Befindlichkeiten und wenig
bekannte Sachverhalte (z.B. zur Vernichtung traditionsreicher Industriestandorte
und Existenz eines beeindruckenden Bauhaus-Juwels in der Provinz)
vermittelt werden, ist dies eine lohnende Lektüre. Wohl weil
der Autor jedoch trotz aller banaler Berichtsinhalte literarische
Ansprüche hat, fehlt dem Buch eine Karte zum Reiseverlauf -
gerne hätte man damit die Seltsamkeiten des Verlaufs der innerdeutschen
Grenze nachvollzogen (ein gleich zweimal reproduzierter Ausschnitt
aus einer Wanderkarte rund um Hof ist dafür kein Ersatz).
|
 |
Michael Palin : |
| Europareise - Wie ein Engländer einen
alten Kontinent neu entdeckt |
| 400
Seiten, zahlreiche Farb-Abb., Übersichtskarten, 22,95 €,
Malik
Verlag |
| Michael Palin, der Weltenbummler, Schauspieler
und Comedian, bereist zum ersten Mal den Osten unseres Kontinents
und erzählt mit Wärme und feinem Humor von seinen Begegnungen.
Als Mitbegründer der Monty-Python-Truppe wurde er berühmt.
Mit dem gleichen Herzblut bereist er seit 30 Jahren die Welt; es
zog ihn in den Himalaja und die Sahara, zum Nord- und zum Südpol.
Wo er auch hinfährt, danach verschlingen die Briten seine Reisereportagen.
Palins jüngstes Projekt: die Entdeckung Europas, wo er mehr
blinde Flecken hatte als in jedem exotischen Erdteil. Er besuchte
ein Jahr lang 20 Länder, von Lettland über Kroatien, Polen,
Ost-Deutschland, Tschechien bis in die Türkei. Dieses Buch
ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames Reisebuch ohne größere
inhaltliche Fehler (nur dass das Estnische 33000 Schriftzeichen
haben soll - das ist wohl ein Übersetzungsfehler). Etwas stört
die vom Ablauf der während der Reise gedrehten Fernseh-Reportage
geprägte, immer gleiche Abfolge: der Autor kommt in eine Stadt,
trifft einen von seinen Pfadfindern vermittelten Gesprächspartner
und unternimmt eine außergewöhnliche Tour und weiter
geht's zum nächsten Ziel.
|
 |
Katharine Raabe/Monika Sznajderman (Hg.)
: |
| Odessa Transfer - Nachrichten vom Schwarzen
Meer |
| 258
Seiten, zahlreiche s-/w-Abb., 26,80 €, Suhrkamp
Verlag |
| Nach »Last & Lost«, einem literarischen
Atlas über das verschwindende Europa, folgt »Odessa Transfer«,
eine Fahrt an die Grenzen früherer Imperien, an Orte des Exils
und der Zuflucht. Was entsteht hier, zwischen Constanza und Odessa,
Jalta und Sotschi, Batumi und Istanbul, auf den Trümmern der
ältesten und der jüngsten Geschichte? In Essays, literarischen
Reportagen und Erzählungen wird die Schwarzmeerregion sichtbar
- als ein Raum, dessen Zauber und Zerstörtheit die poetische
Einbildungskraft herausfordert. Allerdings lässt die Anzahl
der literarischen Reportagen in diesem Buch zu wünschen übrig.
Gerne hätte man mehr aufschlussreiche Berichte gelesen wie
das Odessa-Porträt von Karl-Markus Gaus oder die persönlich-historischen
Informationen zur Grenzstadt Batumi in Georgien. Auch hier gab es
bei Fluchtversuchen in Zeiten des "Kalten Kriegs" zahlreiche
Todesopfer. |
|