Kulturbrief Nr. 35 November/Dezember 2009

In diesem Winter bieten vor allem die Staatlichen Museen Berlin mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums nach einer 60 Jahre dauernden Schließung und zahlreichen hochkarätigen Sonderausstellungen Ausstellungs-Höhepunkte. Auf die große Carl Gustav Carus-Ausstellung "Natur und Idee" mit 200 Gemälden und Zeichnungen von Carus und anderen, ihm nahe stehenden romantischen Malern wie Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl in der Alten Nationalgalerie wurde schon im letzten Kulturbrief hingewiesen. Ein weiterer Ausstellungs-Höhepunkt bietet Gemälde-Kunst im tropischen Umfeld: "Kunst um Humboldt - Reisestudien aus Mittel- und Südamerika" (vom 13. November bis 11. April im Kupferstichkabinett). Die Maler Johann Moritz Rugendas (1802 - 1858), Ferdinand Bellermann (1814 - 1889) und Eduard Hildebrandt (1818 - 1869) unternahmen in der Nachfolge Alexander von Humboldts ausgedehnte Reisen durch Mittel- und Südamerika. In den vor Ort entstandenen Reiseskizzen und Naturstudien erlebten die von Humboldt angeregten Darstellungen des amerikanischen Subkontinents in ihrem neuartigen Realismus eine europaweit beachtete Blüte. Von den Landschaften, der Flora und Fauna, den Ortschaften, Volkstypen, Sitten und Gebräuchen der durchstreiften Regionen entwarfen die Maler ein faszinierendes, vielfältiges und authentisches Bild. Humboldt hat ihre Befähigung zu »physiognomisch-treuer landschaftlicher Schilderung verschiedener Erdzonen« frühzeitig erkannt, sie beraten und nach Kräften gefördert. Seine Vorstellung, in Verbindung von Kunst und Wissenschaft über die genaue Beobachtung der tropischen Natur auch zu einer Erneuerung der europäischen Landschaftskunst zu gelangen, sah er hier verwirklicht. In Deutschland sind die drei Maler noch immer zu wenig bekannt und ihre Arbeiten wegen der engen Bindungen an die Naturwissenschaften kein Thema der Kunstgeschichte. In Mittel- und Südamerika dagegen genießen sie als Teil des kulturellen Gedächtnisses höchste Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Eine andere wichtige Ausstellung bieten die Staatlichen Museen im Kulturforum Potsdamer Platz: "Alfred Messel (1853-1909) - Visionär der Großstadt" Der Architekt Alfred Messel (1853-1909) gehört zu den bedeutendsten Visionären der modernen Großstadtarchitektur. In dieser umfassenden Ausstellung präsentiert die Kunstbibliothek zu Messels 100. Todestag sein Werk mit rund 350 Exponaten: Originalzeichnungen, Baupläne, Fotografien, Modelle sowie originale Bauplastik des Warenhauses Wertheim und des Pergamonmuseums. Alfred Messel schuf stilprägende Bauten zwischen Historismus und Moderne. Er errichtete Museen, Finanzpaläste, großbürgerliche Villen sowie Reformwohnungsbauten - Gesamtkunstwerke in ihrer Einheit von Außen- und Innenarchitektur. Einzigartig und noch heute im Bewusstsein der älteren Berliner sind seine Warenhausbauten für die Firma Wertheim. Die prächtige Filiale am Leipziger Platz war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das größte Warenhaus Europas. In seiner Funktionalität, Größe und Eleganz vermittelte es wie kein anderes Gebäude das moderne Großstadtgefühl. Mit seinen Planungen für das Pergamonmuseum vollendete Alfred Messel auch die "Stadt der Museen", wie Wilhelm von Bode die Museumsinsel Berlin seinerzeit umschrieb. Seit 1999 ist die Museumsinsel UNESCO Weltkulturerbe. Die vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Ausstellung und der dazugehörige Katalog entstanden in Kooperation mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin, in dem sich der Nachlass Messels befindet.

Auch im Martin-Gropius-Bau ist wieder ein Ausstellungs-Höhepunkt zu sehen: "Sprachen des Futurismus - Literatur, Malerei, Skulptur, Musik, Theater, Fotografie" (bis 11. Januar 2010). Der Martin-Gropius-Bau nimmt das hundertjährige Jubiläum des "Futuristischen Manifests" zum Anlass, eine große Ausstellung dem "Gesamtkunstwerk Futurismus" zu widmen. Der Begründer des Futurismus Marinetti propagierte in seinem elf Punkte umfassenden Manifest eine neue, alle Lebensbereiche umfassende Kultur. Die Beteiligung aller Künste an der Konstruktion einer neuen Ästhetik des Alltäglichen war das Ziel. Fotografie und Film, Mode und Design, Tanz und Literatur, Malerei und Skulptur, Architektur und Musik - es gab keine Kunstrichtung, mit der die Futuristen sich nicht befasst haben. Die Ausstellung "Sprachen des Futurismus" entstand in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut und dem Museo d'Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto (MART), in dessen Sammlung sich über 4000 futuristische Werke befinden, darunter Meisterwerke von Carrà, Severini, Russolo und Balla, und das über ein umfangreiches Archiv von Dokumenten und Büchern der wichtigsten Vertreter der Avantgarde verfügt. Das Motto des Futurismus "Es reicht mit der Vergangenheit" und die Ideale (Kult der Maschine und die industriell geprägte Stadt als Ort der Geschwindigkeit, Simultanität und Dynamik) sind in der Ausstellung vor allem in großartigen Gemälden nachfühlbar, ein Nachbau eines großen Bühnenbildes, auch Marionettenfiguren, gehen eher in Spielerisches. Völlig fehlt die Darstellung der politischen Verflechtungen dieser außergewöhnlich lange Zeit (ab 1909 bis ca. 1934) einflussreichen Kunstrichtung mit dem italienischen Faschismus.


Das Kunstforum der Berliner Volksbank gegenüber dem Elefantentor des Berliner Zoos zeigt "Werner Tübke - Retrospektive zum 80. Geburtstag" (bis 3. Januar). Der 2004 verstorbene Werner Tübke zählt international zu den wichtigen Vertretern der figürlichen Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit der Ausstellung würdigt das Kunstforum mit seinen Kooperationspartnern Museum der bildenden Künste Leipzig und der Tübke Stiftung Leipzig einen Meister des Realismus, der sowohl aus zeitgenössischen als auch vor allem historischen Stoffen seinen eigenen Bildkosmos schuf. Eines seiner Hauptwerke ist das 14 x 123 Meter große Kolossalgemälde "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland", das im Thüringischen Bad Frankenhausen, einem Hauptort der Bauernkriege, zu sehen ist. Die Ausstellung im Kunstforum zeigt ein Modell dieses großen Bauernkriegspanoramas und sieben Gemälde aus dem Besitz der Bank, die thematisch im Umfeld dieses Meisterwerks angesiedelt sind. Hinzu kommen Gemälde aus allen Werksphasen, Porträts sowie Bilder, die sich auf die Reisen Tübkes nach Italien, in den Kaukasus und nach Zentralasien beziehen.

 

Neue Berlinbücher und andere Literaturempfehlungen
Carola Wedel (Hg.) :
Das Neue Museum - Eine Ruine wird zum Juwel
Deutsch/Englisch, 128 Seiten, 90 teils farbige Abb., 19,95 €, Jaron Verlag
Mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums am 17. Oktober sind erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg alle fünf Häuser der Museumsinsel geöffnet. Das von 1843 bis 1855 erbaute Hauptwerk des Königlichen Architekten Friedrich August Stüler war nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis 2003 Ruine und wurde danach nach Plänen des englischen Architekten David Chipperfield so wieder aufgebaut, dass so viel wie möglich von der Originalausstattung erhalten blieb, aber Verlorengegangenes nicht rekonstruiert, sondern in einer ästhetisch ansprechenden Form modern ergänzt worden ist. Das Neue Museum war übrigens der erste Monumentalbau in Preußen, der konsequent aus dem konstruktiven Potential der Eisenbauweise entwickelt wurde, viele Teile wurden in der Eisengießerei August Borsigs vorgefertigt, dort auch auf ihre Tragfähigkeit getestet, bevor sie eingebaut wurden. Allerdings ist die Eisenkonstruktion in dieser Zeit noch nicht sichtbar gelassen, sondern unter Zink- und Messingummantelungen und -ornamenten versteckt worden. Dieses Buch zur Wiedereröffnung bietet sehr ansprechend bebildert sowohl die interessante Baugeschichte des Erstbaus von Stüler
als auch die Details des Wiederaufbaus von Chipperfield. Hinzu kommt ein guter Einblick in die drei im Museum gezeigten Sammlungen: das Ägyptische Museum mit der Nofretete-Büste als Höhepunkt in einem eigenen historischen Saal, die Antikensammlung mit großartigen griechischen und römischen Skulpturen und das Museum für Vor- und Frühgeschichte mit dem Berliner Goldhut und dem Goldfund aus Eberswalde aus der Bronzezeit.

Adrian von Buttlar :
Das Neue Museum - Architekturführer
104 Seiten mit 55 farbigen und 10 schwarzweißen Abbildungen, 12 €, Deutscher Kunstverlag

Auch in diesem Buch wird das Gebäude des Neuen Museums in seiner alten und neuen Pracht bestens bebildert vorgestellt. Es hat jedoch gegenüber den zahlreichen Neuerscheinungen zur Wiedereröffnung zwei große Vorteile: zum einen ist es kompakt-handlich und kann zum Museumsbesuch mitgenommen werden, zum andern ist es von einem Autor verfasst, der in Fragen des Denkmalschutzes sehr kompetent ist. So werden wenig bekannte Details der Entstehungsgeschichte der jetzt gefeierten Form des Wiederaufbaus vermittelt, auch die intensive Debatte über die Rekonstruktion prägnant zusammengefasst.


Georg von Gayl/Christa Brand :
Die geheimen Gärten von Berlin - Refugien in der Metropole
160 Seiten, 190 Farb-Abb., 49,95 €, Deutsche Verlags-Anstalt DVA

Dieses mit bestechenden, großformatigen Farb-Fotografien ausgestattete Buch ist eine großartige Erinnerung an den Sommer. Der Leser kann beim Betrachten der Garten-Porträts in die Stimmung eines Sommergartens eintauchen, fast kann er die Blumenpracht riechen und die Sonnenstrahlen fühlen. 23 Privatgärten in Berlin werden in diesem exklusiven Bildband vorgestellt, sonst verschlossene Gartenpforten werden dadurch geöffnet. Dabei ist die Reichweite sehr vielfältig: vom "Laubenpieper-Garten" in Charlottenburg über Haus- und Villengärten in Dahlem mit üppigen Stauden- und Rosenpflanzungen, städtischen Innenhöfen, bis hin zu luxuriösen Parkgärten an der Havel und Siedlungen am Müggelsee. Neben Paris, London und Venedig, denen sich diese Bildband-Reihe schon gewidmet hat, wird nun zurecht Berlin als grüne Stadt mit einem reichen Schatz an Privatgärten gestellt.


Léo Favier u. a. (Hg.) :
Ring frei - Erkundungstour Ringbahn Berlin
274 Seiten, 125 teils farbige Abbildungen, 27 Umgebungskarten zu jeder Ringbahnstation, 22,90 €, Vergangenheitsverlag

Dieses neuartige Buch gehört zu den wichtigen Neuerscheinungen eines neuen Berliner Verlages. Es ist außergewöhnlich aufgrund seines hohen Nutzwertes für Erkundungstouren in das weniger bekannte Berlin. Entlang der Ringbahn (S-Bahnlinie S 41 und S 42) werden ausgehend von den 27 Stationen dieser S-Bahn-Linie Informationen zur Geschichte und Gegenwart vermittelt. Die Tour ist eine kaleidoskopische Stadtfahrt: alte Fabriken und moderne Produktionsstandorte, Plattenbauten und Gründerzeithäuser, Shoppingmalls und Stadtautobahn, der Flughafen Tempelhof, Arbeiterviertel und Szenequartiere, Schlossparks und Schrebergärten. Dieses Buch wurde als Ringbuch ohne Seitenangaben konzipiert, die Lektüre kann von jeder beliebigen Station begonnen werden. In origineller Weise werden passend zum jeweiligen Stadtviertel S-Bahn-Nutzer mit dem Stationsschild zu Beginn jedes Kapitels abgebildet. Die Herangehensweise ist unterschiedlich, manchmal lässt die Ausführlichkeit zu wünschen übrig. Die Bebilderung, gerade auch die Einbeziehung historischer Aufnahmen, ist herausragend.


Frank Möbus (Hg.)t :
Ringelnatz - Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin! Gedichte, Prosa und Dokumente aus der Berliner Zeit
250 Seiten, 8 Farb- und 10 s-/w-Abb., 19,90 €, Verlag für Berlin-Brandenburg

Joachim Ringelnatz wird häufig mit Berlin assoziiert. Dabei hat der unter dem Namen Hans Bötticher geborene Schriftsteller, Kabarettist und Maler nur von 1930 bis zu seinem Tod im November 1934 in Berlin gelebt. Zuvor fuhr er zur See, lebte in Hamburg und München, war aber schon früh Berlin verbunden. Hier feierte er seit den frühen Zwanziger Jahren Erfolge als Kabarettist, bereits 1924 erschien sein Roman "...liner Roma...", der in moderner Form, einer Vielzahl von malerischen Eindrücken vergleichbar, der pulsierenden Metropole ein Denkmal setzt. Gerne hätte der Leser mehr von diesem, nicht mehr im Buchhandel erhältlichen Roman, auch vom Maler Ringelnatz erfahren. Wie bei vielen anderen Ringelnatz-Büchern liegt der Schwerpunkt dieses aktuellen Buches jedoch bei seinen Gedichten: sicher auch Gemälden vergleichbare literarische Höhepunkte sind darunter, aber auch viel schönes weißes Papier.


Katja Roeckner :
Berliner Industriekultur - Geschichtstouren für Entdecker
163 Seiten, zahlreiche s-/w-Abb., 3 Karten, Klappenbroschur, 12,90 €, Vergangenheitsverlag

Dieser handliche Führer ist ein Appetitanreger zur Entdeckung der reichhaltigen Industriekultur Berlins. Sehr gut mit historischen Fotos bebildert gibt dieser Führer Erläuterungen zu Spaziergängen in vier Kerngebieten der industriellen Entwicklung Berlins zur ehemals größten Industriestadt Europas: dem ehemaligen "Feuerland", Sitz der Königlichen Eisengießerei, der Industriepioniere Egells, Borsig und Schwartzkopff nördlich des Oranienburger Tors, der AEG am Humboldthain, dem Kreuzberger Gewerbegebiet an der Spree und der AEG-"Stadt" in Oberschöneweide. Dass es noch sehr viel mehr an sehr reizvollen Denkmalen des Industriezeitalters in Berlin zu entdecken gibt, wird im kurzen Kapitel "Orte außerhalb der Touren" vermittelt. Der Hinweis auf die in enger Verbindung zur Industrieentwicklung Berlins entstandenen Orte der Industriekultur in Brandenburg fehlt. Ohne die Kalksteinverarbeitung in Rüdersdorf, die Ziegelindustrie in Glindow und Zehdenick, der Kunststoffindustrie in Erkner und Werder, die Flugzeugindustrie in Rangsdorf und Ludwigsfelde, schließlich die Bahnindustrie in Wildau, Potsdam und Hennigsdorf, um nur einige Orte der Industriekultur in unmittelbarer Nähe Berlins zu nennen, wäre Berlin nicht zur Industriemetropole geworden.


Hanne Bahra/Axel Nickolaus :
Handwerk, Design, Kunst, Tradition Berlin
168 Seiten, zahlreiche Farb-Abb., Übersichtskarte, 29,90 €, Umschau Verlag

Berlin inspiriert. Die Hauptstadt Deutschlands gilt heute als eine der kreativsten und vielseitigsten Metropolen der Welt. In ehemaligen Fabrikgebäuden, in Hinterhöfen und einstigen Souterrainwohnungen entstehen immer mehr Werkstätten und Ateliers. So dynamisch Berlin ist, seine Authentizität wurzelt in jahrhundertealter handwerklicher Tradition und spiegelt sich noch heute in überkommenen Gewerken wider - von der Glasschleiferei bis zum Orgelbau, von der Korsettmacherei bis zur Königlichen Porzellanmanufaktur. Auch Berlin als Modestadt wird präsentiert. Zusätzlich werden nahe Orte wichtiger Handwerkstraditionen in Brandenburg vorgestellt: das Ofen- und Keramikmuseum in Velten und das Modemuseum Schloss Meyenburg in der Prignitz.


Cees Nooteboom :
Berlin 1989/2009
400 Seiten, zahlreiche s/w-Abb., 12 €, Suhrkamp Verlag

Der niederländische Erzähler und Essayist Cees Nooteboom veröffentlichte 1991 persönliche Eindrücke vom Mauerfall und dem Weg zur deutschen Einheit. In etwas ausschweifender Art, immer wieder sehr treffend das außergewöhnliche dieser Zeit beschreibend trifft Nooteboom sehr gut deutsche Befindlichkeiten. Ohne das dies der Verlag deutlich macht, besteht die vorliegende Neuerscheinung zu einem großen Teil aus der Wiederveröffentlichung dieser Essays und außergewöhnlichen Fotografien. Ergänzt wird dies durch weitere bis in das vergangene Jahr reichende Texte. Der Autor konnte trotz seiner zahlreichen, weltweiten Reisen (eine den jeweiligen Kontinenten gewidmete Buchreihe liegt dazu vor) zu Deutschland eine besondere Beziehung entwickeln und die Lektüre vieler seiner Essays lohnt sich, sie regen zum Nachdenken, auch zum Weiterlesen zahlreicher anderer Autoren an.


Irina Liebmann :
Stille Mitte von Berlin
112 Seiten, zahlreiche Farb-Abb., 19,90 €, Berlin Verlag

Anfang der 80er Jahre hat Irina Liebmann das Viertel um den Hackeschen Markt fotografiert. Was als Material für einen Roman gedacht war, wurde zu einer ungewöhnlichen Fotoserie, die dokumentiert, wie sehr sich diese Gegend Berlins nach der Wiedereinigung geändert hat: die vom Verfall geprägte DDR-Tristesse ist jetzt zu einer Attraktion Berlin geworden, alte Bausubstanz ist inzwischen Ort für abendliches Entspannen. Dabei ist vielen die Geschichtsträchtigkeit dies Viertels nicht bewusst. In einem langen, einleitenden Essay geht Irina Liebmann ihren eigenen Erinnerungen als Bewohnerin dieses Viertels zu DDR-Zeiten sowie seiner Geschichte nach - eine lohnende Lektüre.


Uta Gerhardt/Thomas Karlauf (Hg.) :
Nie mehr zurück in dieses Land - Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938
363 Seiten, 22,90 €, Propyläen Verlag

Dieses erschütternde Buch hätte zu seiner Entstehungszeit vor siebzig Jahren die Welt aufrütteln können. Jetzt sollte es Schullektüre werden, um in Erinnerung von in Deutschland möglicher Barbarei allen Anfängen zu wehren. Diese erschütternde Augenzeugenberichte der Novemberpogrome 1938 waren 1939/40 im Rahmen eines Aufrufs der Harvard Universität gesammelt worden, an dem sich mehr als 250 Emigranten beteiligten. Eine vergleichbar dichte, authentische Schilderung des von den Nazis organisierten Terrors gegen die jüdischen Mitbürger in Deutschland und Österreich gibt es nicht. Während jener Pogrome waren etwa 400 Juden ermordet oder in den Tod getrieben worden, 30 000 wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert und schwer misshandelt. Zehntausende verließen daraufhin ihre Heimat, schockiert von dem, was viele Zeitgenossen als den größten Zivilisationsbruch der Geschichte empfanden. Was sie mitnahmen, war der Schmerz des Abschieds, aber auch die Erinnerung an grauenhafte Szenen: die Überfälle betrunkener Nazi-Horden, die öffentlichen Demütigungen, das Niederbrennen der Synagogen, die unmenschlichen Zustände in den überfüllten Gefängniszellen und KZ-Baracken. Die Reaktionen der Nachbarn und Passanten auf diese Barbarei reichten von Anteilnahme und Hilfeleistung bis zu Hohn, Spott und Übergriffen. Der Initiator des Harvard-Projektes, der Soziologe Edward Hartshorne, stellte die bewegenden Zeugnisse zu einem Buch zusammen, das er wegen des Kriegseintritts der USA jedoch nicht mehr veröffentlichen konnte. Er wechselte in den Geheimdienst, die Berichte fielen dem Vergessen anheim. Durch einen Zufall wurde jetzt das Originalmanuskript gefunden. Sorgfältig ediert und kommentiert durch die Herausgeber, mit einem Vorwort von Saul Friedländer versehen, wird es jetzt erstmals zugänglich gemacht.


Roman Grafe (Hg.) :
Die Schuld der Mitläufer - Anpassen oder Widerstehen in der DDR
204 Seiten, zahlreiche s/w-Abb., 14,95 €, Pantheon Verlag

Dieses Buch vereint 22 Geschichten von Staatshörigkeit und Aufbegehren in der DDR. Deutlich wird, dass kein Heldentum notwendig war, um in der DDR zumindest passiv Widerstand zu leisten. Die Mehrheit der DDR-Bürger ließ alltägliche Möglichkeiten des gefahrlosen Widersprechens und Widerstehens ungenutzt. Der Herausgeber fasst die Tragik des Verhaltens der Mehrheit treffend zusammen: " Der Satz ‚Es war nicht alles schlecht in der DDR' bedeutet auch: Wir habe es uns gut gehen lassen als es anderen schlecht ging - den Unangepassten, den politischen Häftlingen, den gescheiterten Flüchtlingen und ihren Angehörigen." Schließlich wird in einer Art Ausblick Joachim Gaucks berechtigte Sorge zitiert: "dass unsere Demokratie möglicherweise durch dieselbe Haltung zugrunde gehen könnte, die die Diktatur so lange am Leben erhalten hat, nämlich unser unkritisches, unengagiertes Danebensehen..."


Peter Schanz :
Mitten durchs Land - Eine deutsche Pilgerreise
253 Seiten, zahlreiche Farb-Abb., 19,95 €, Aufbau Verlag

Peter Schanz Wanderung an der 1500 Kilometer langen, ehemaligen innerdeutschen Grenze dauerte drei Monate. Dort, wo Bayern, Sachsen und Tschechien aneinander stoßen, begann er seine Reise und folgte ihr (überwiegend auf den früheren Kolonnenwegen der Grenztruppen) bis an die Ostsee. Als interessanter Reisebericht, in dem deutsch-deutsche Befindlichkeiten und wenig bekannte Sachverhalte (z.B. zur Vernichtung traditionsreicher Industriestandorte und Existenz eines beeindruckenden Bauhaus-Juwels in der Provinz) vermittelt werden, ist dies eine lohnende Lektüre. Wohl weil der Autor jedoch trotz aller banaler Berichtsinhalte literarische Ansprüche hat, fehlt dem Buch eine Karte zum Reiseverlauf - gerne hätte man damit die Seltsamkeiten des Verlaufs der innerdeutschen Grenze nachvollzogen (ein gleich zweimal reproduzierter Ausschnitt aus einer Wanderkarte rund um Hof ist dafür kein Ersatz).


Michael Palin :
Europareise - Wie ein Engländer einen alten Kontinent neu entdeckt
400 Seiten, zahlreiche Farb-Abb., Übersichtskarten, 22,95 €, Malik Verlag

Michael Palin, der Weltenbummler, Schauspieler und Comedian, bereist zum ersten Mal den Osten unseres Kontinents und erzählt mit Wärme und feinem Humor von seinen Begegnungen. Als Mitbegründer der Monty-Python-Truppe wurde er berühmt. Mit dem gleichen Herzblut bereist er seit 30 Jahren die Welt; es zog ihn in den Himalaja und die Sahara, zum Nord- und zum Südpol. Wo er auch hinfährt, danach verschlingen die Briten seine Reisereportagen. Palins jüngstes Projekt: die Entdeckung Europas, wo er mehr blinde Flecken hatte als in jedem exotischen Erdteil. Er besuchte ein Jahr lang 20 Länder, von Lettland über Kroatien, Polen, Ost-Deutschland, Tschechien bis in die Türkei. Dieses Buch ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames Reisebuch ohne größere inhaltliche Fehler (nur dass das Estnische 33000 Schriftzeichen haben soll - das ist wohl ein Übersetzungsfehler). Etwas stört die vom Ablauf der während der Reise gedrehten Fernseh-Reportage geprägte, immer gleiche Abfolge: der Autor kommt in eine Stadt, trifft einen von seinen Pfadfindern vermittelten Gesprächspartner und unternimmt eine außergewöhnliche Tour und weiter geht's zum nächsten Ziel.


Katharine Raabe/Monika Sznajderman (Hg.) :
Odessa Transfer - Nachrichten vom Schwarzen Meer
258 Seiten, zahlreiche s-/w-Abb., 26,80 €, Suhrkamp Verlag

Nach »Last & Lost«, einem literarischen Atlas über das verschwindende Europa, folgt »Odessa Transfer«, eine Fahrt an die Grenzen früherer Imperien, an Orte des Exils und der Zuflucht. Was entsteht hier, zwischen Constanza und Odessa, Jalta und Sotschi, Batumi und Istanbul, auf den Trümmern der ältesten und der jüngsten Geschichte? In Essays, literarischen Reportagen und Erzählungen wird die Schwarzmeerregion sichtbar - als ein Raum, dessen Zauber und Zerstörtheit die poetische Einbildungskraft herausfordert. Allerdings lässt die Anzahl der literarischen Reportagen in diesem Buch zu wünschen übrig. Gerne hätte man mehr aufschlussreiche Berichte gelesen wie das Odessa-Porträt von Karl-Markus Gaus oder die persönlich-historischen Informationen zur Grenzstadt Batumi in Georgien. Auch hier gab es bei Fluchtversuchen in Zeiten des "Kalten Kriegs" zahlreiche Todesopfer.

 
Abdruck bei Quellenangabe kostenfrei.
Redaktion: Jörg Raach
Mitarbeit: Julia Kratzer